Österreich braucht mehr innovative Fischerzeuger

Der Selbstversorgungsgrad bei heimischem Fisch leidet unter dem Preisdruck industriell erzeugter Importware. Laut Ministerium sollen dieser bis zum Jahr 2020 von derzeit ca. 34 % auf 60 % gesteigert werden.  Besonders Vollkreislauf-Anlagen sollen in der Fischzucht in Österreich vermehrt zum Einsatz kommen, heißt es in der Strategie „Aquakultur 2020“. Die Hightech-Anlagen stellen hohe Anforderungen an die Qualifzierung der Betreiber, lassen aber wertvolle Synergien zwischen Fischproduktion und Gemüseanbau zu. Innovative Fischerzeuger sind gefragt. Könnten Anlagen wie in Berlin in Industriebrachen und in Basel auf dem Dach auch bald in Österreich möglich sein?

94% des Fischbedarfs werden importiert

In Österreichs Aquakulturen und natürlichen Teichen werden nach Stand 2012, ca. 3.300 Tonnen Fisch im Jahr produziert. Aufgrund des Preisdrucks durch industriell erzeugte Importware deckt diese Menge nur mehr 5% des Inlandsbedarf an Fischen,- Krebs und Weichtieren. Von den insgesamt ca. 63.000 Tonnen Fisch werden 94% importiert. Laut Kurier hat Österreich bei Süßwasserfischen einen Selbstversorgungsgrad von 30 Prozent. Immerhin nur jeder zweite Karpfen kommt aus dem Ausland – vor allem aus Tschechien und Polen. Rund ein Drittel der Forellen stammt aus eigener Produktion, der Rest wird größtenteils aus der Türkei, Italien und Spanien importiert. Wer im Supermarkt zu Salzwasserfischen greift, muss sich bewusst sein, dass diese mit Mikroplastik belastet sind, das bei den Tieren zu Leber- und Zellschäden führen kann. Ob diese Auswirkungen auch für den Menschen gelten, ist allerdings unerforscht.

Gesetzliche Lage hemmt Investitionsfreudigkeit

Österreich verfolgt mit der Strategie „Aquakultur 2020“ das Ziel, den Selbstversorgungsgrad bei der Produktion von Süßwasserfischen zu verdoppeln. (BMLFUW, 2012, S.4). Besonders die Produktion in Kreislaufanlagen soll um 300% auf insgesamt 500 t gesteigert werden. Marc Mößmer, Chef der Arge Biofisch sagte im Kurier-Interview: „Eigentlich sollte Österreich schon viel mehr Fische selbst produzieren, aber bei den vielen Genehmigungen und Gutachten, die man braucht, will ja niemand investieren.“

Vollkreislauf-Anlagen sorgen für effiziente Fischzucht

Die Technologie der geschlossenen Warmwasser- Kreislaufanlagen bietet die Möglichkeit, Wasser sparend Fisch zu produzieren. Im sogenannten Vollkreislauf werden täglich weniger als 10 % des Produktionsvolumens durch Frischwasser ersetzt. Es besteht die Möglichkeit, energieschonend Abwärmequellen wie beispielsweise Biogasanlagen zu nutzen oder Nährstoffe in Aquaponic-Anlagen weiter zu verwerten.

Das Fischartenspektrum reicht vom afrikanischen Raubwels bis zum heimischen Wels, Barsch, Zander und andere Arten, wobei die Marktchancen und der Anspruch an das Können des Fischzüchters jeweils sehr unterschiedlich sind.

Vollkreislauf Anlagen für die Fischzucht
Vollkreislauf-Anlage; Quelle: www.ffaz-fischfutterautomation.de

Kreislaufanlagen stellen als Hightech-Anlagen mit hohem Energiebedarf hohe Anforderungen an die Qualifzierung des Personals bzw. der BetriebsleiterInnen. Wesentlich für die Entwicklung des Potentials von Kreislaufanlagen und den Erfolg sind daher die Aus- und Weiterbildung sowie eine umfassende Beratung. Erfahrungen zeigen, dass für den Erfolg fundiertes Wissen über Fisch und Technologie sowie über Vermarktung maßgeblich sind. (BMLFUW, 2012, S.12).

Im Jahr 2012 waren in Österreich bereits zwei Anlagen in Betrieb und eine in Bau (alle für Afrik.Wels). Im Vergleich dazu erzählt Konrad Blaas vom Lebensministerium in einem Bericht vom Kurier, dass sich in Österreich rund 400 Betriebe mit dem Geschäft rund um den Fisch – von der Zucht bis zur Verarbeitung beschäftigen (kleine Teiche ausgenommen). Geschätzte 50 Betriebe züchten haupt- oder nebenberuflich Biofisch, genaue Daten wurden nie erhoben.

Massentierhaltung Aquakultur

In der Aquakultur gibt es – mit Ausnahme des kleinen Biosektors (siehe EU Öko-Verordnung) – keine klare Grenzziehung was die Besatzdichten angeht. Es bleibt letztlich dem jeweiligen Betreiber der Anlage überlassen, wieviel Fische, Garnelen oder Muscheln er einsetzt. Bei Fischen, die gutmütig und hart im Nehmen sind wie Pangasius oder Tilapia, werden in manchen Regionen auch deutlich über 100 Kilogramm Fisch je Kubikmeter gehalten. Die Müggelsee-Forscher entschieden sich daher für eine Anzahl von Fischen, die zusammen 50 bis 80 Kilo auf die Waage bringen. Bei dieser Dichte setzt der Kuscheleffekt des Schwarms ein. Dann schwimmen alle brav zusammen, ohne jede Keilerei.

Der Overcrowding-Effekt

Laut der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz e.V. (TVT) ist der wissenschaftliche Hintergrund der sogenannte „Overcrowding-Effekt“: Tilapien werden in Massen in großen, nicht strukturierten und stark belegten Becken gehalten. Die Tiere können keine Reviere bilden und sind weniger aggressiv. Außerdem verteilen sich die Attacken durch dominante Männchen auf mehr Individuen, was die Verletzungsgefahr für das Einzeltier senkt. Dieser Effekt lässt sich ebenso in der Fischzucht im Eigenheim beobachten.

Ausbau der Fischzucht in Österreich

Damit Österreich seinen geringen Selbstversorgungsgrad bei Süßwasserfischen steigern kann, braucht es vor allem eine Erleichterung bei den vielen Genehmigungen und Gutachten. Steigerungen in der Forellenerzeugung und der Karpfenteichwirtschaft sollten allerdings stark in der ökologischen Aquakultur erzielt werden. Dabei reicht es nicht aus, sich alleinig auf die EU-Verordnung für ökologische Aquakulturen zu stützen, sondern auch die Vorgaben des Naturland-Verbands für ökologischen Landbau e.V. zu adaptieren.

Besonders stark soll aber auch die Fischzucht in Vollkreislaufanlagen gesteigert werden. Hierbei haben wissenschaftliche Erkenntnisse des Berliner Leibniz-Instituts für Gewässerökologie und Binnenfischerei gezeigt, dass wertvolle Synergien zwischen Fischzucht und Gemüseanbau möglich sind. Der sogenannte „Tomatenfisch“, liefert im Aquaponic-System mithilfe seiner Ausscheidungen die Nährstoffe für Tomaten, die trotz Verzicht von Pestiziden und konventionellem Dünger nicht als „Bio“ gekennzeichnet werden. Was in Berlin in Industriebrachen und in Basel auf dem Dach schon mithilfe der ECF-Farmsystems GmbH und Urban Farmers AG verwirklicht wurde, soll auch bald in Österreich etabliert werden.

Quellen und Downloads:

Strategie Aquakultur 2020: https://www.bmlfuw.gv.at/service/publikationen/land/aquakultur_2020.html

https://kurier.at/wirtschaft/wenig-fisch-in-heimischen-teichen/103.933.314

http://www.aquakulturinfo.de/index.php/tilapia.html)

http://www.wienerzeitung.at/themen_channel/wissen/forschung/650600_Barsche-duengen-Tomaten.html

https://www.slowfood.de/w/files/slow_themen/dossier_aquakultur_stand_1_dezember_2014.pdf

http://www.tierschutz-tvt.de/fileadmin/tvtdownloads/merkblatt130_2010.pdf – TVT Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V.; Haltungsempfehlungen für maulbrütende afrikanische Buntbarsche – Merkblatt Nr. 130