Im Kampf gegen Großkonzerne und industrielle Landwirtschaft

Filmreview. Die Dokumentation „Zeit für Utopien“ des österreichischen Regisseurs Kurt Langbein portraitiert internationale Projekte, die alle eines gemeinsam haben: Sie widersetzen sich dem Grundsatz kapitalistischer Wirtschaftssysteme.

„Wir fahren gegen die Wand“

Jeder Wirtschaftsstudent weiß: Die Wirtschaft funktioniert nicht ohne Wachstum. Was hier einer ganzen Generation eingetrichtert wird, grenzt an Verantwortungslosigkeit und grobe Fahrlässigkeit. Was für Großkonzerne und ihre Aktionäre selbstverständlich ist, bedroht nicht nur die Gewährleistung menschlicher Arbeitsbedingungen, sondern auch das ökologische Gleichgewicht. Für die Wirtschaftsjournalistin Ulrike Herrmann ist klar, dass der Kapitalismus in seiner heutigen Form scheitern wird. Entscheidend ist, wie das passiert: Entweder wir fahren mit voller Wucht gegen die Wand, oder wir erforschen, wie wir einen möglichst sanften Bremsweg hinlegen ohne in eine Depression mit faschistischen Strömungen zu fallen. 

Der Verbraucher ist König

Beinahe jedes Unternehmen weltweit richtet seine Aktivitäten an den Anforderungen der Märkte aus. Die Konsumenten sind sich dieser Macht allerdings genauso wenig bewusst, wie den Auswirkungen ihrer „imperialen Lebensweise“. Der Neurowissenschafter Joachim Bauer ortet hier das Gegenteil von Resonanz: Entfremdung. Wir Verbraucher haben keinen Bezug mehr zu den Herstellern von Gütern. Ein Blick auf unsere menschlichen Motivationssysteme zeigt, dass wir von Natur aus nach Resonanz und Verbundenheit streben, um glücklich zu sein. Ob wir dieses Defizit durch materielle Güter langfristig kompensieren können wage ich zu bezweifeln. 

Erzeuger und Verbraucher an einem Tisch

Wie können sich 1,5 Millionen Menschen erfolgreich selbst versorgen, ohne ein einziges Lebensmittel zu importieren? Die Genossenschaft Hansalim in Südkorea hat genau das geschafft. Die Zusammenarbeit in der Genossenschaft bringt den Menschen mehr Vorteile als der Verkauf an Großhändler. In den Supermärkten finden sich ausschließlich lokale Produkte: Alles ist biologisch oder zumindest ohne Pestizide hergestellt.

In Hansalim können Sardellen noch auf traditionelle nachhaltige Art gefangen werden. Ein Fischer erzählt stolz, wie die Tiere bei Ebbe in die Fischfallen aus Bambus hineinschwimmen und diese bei Flut geschlossen werden. Wie die Tangerinenbauern treffen sich die Fisch-Erzeuger jährlich mit Verbrauchervertretern um Preis, Menge, Qualität und zukünftige Erwartungen für das nächste Jahr festzulegen. Ein gemeinsamer Fond fängt die Bauern bei Missernten auf. Durch diese Absprachen betragen die Aufwendungen für Vertrieb und Marketing nur 27% (normalerweise liegen diese bei 50-60%). Die Kostenreduktionen können direkt an die Konsumenten weitergegeben werden.

Auch in Frankreich hat sich der Zusammenschluss der Belegschaft einer ehemaligen Tee-Fabrik von Unilever zu einer Kooperative als erfolgreiche Alternative erwiesen. Nachdem die Fabrik im Jahr 2010 geschlossen werden sollte, beschlossen die verbliebenen Mitarbeiter die Fabrik in Selbstverantwortung zu übernehmen. Nach 1.336 Tagen Besetzung haben die Arbeiter ihr Ziel erreicht – sie arbeiten heute mit lokalen Bauern zusammen und verarbeiten die Blüten direkt vor Ort. Aktuell arbeiten bereits 10% aller Franzosen in Kooperativen.

Eine handwerkliche Käserei in Bayern musste fast geschlossen werden, weil sie den gleichen Hygienestandards genügen muss wie eine industrielle Käserei. Die Schließung konnte verhindert werden, nachdem Verbrauchern angeboten wurde, ab 500€ zu investieren und die Verzinsung in Form von lokalen biologischen Lebensmitteln zurückzuerhalten. Fast hätten die hohen Investitionskosten die Käserei zu fallen gebracht. Doch am Ende konnte genügend Geld eingesammelt werden. Es zeigt sich auch hier, wie die Landwirtschaft von genossenschaftlichen Strukturen profitieren kann.

Gesellschaft im Wandel

„Zeit für Utopien“ zeigt nicht nur Probleme auf, sondern portraitiert auch Lösungen. Es gibt sie, die mutigen Unternehmer, welche in die meist armen Erzeugerländer reisen und die dortigen Arbeitsbedingungen grundlegend ändern. Eine Beschleunigung dieses Wandels könnte erreicht werden, wenn sich Verbraucher aktiv gegen Produkte aus ungerechter Produktion entscheiden und Unternehmen gegensteuern müssten. „Die Lösung wird sein, den Eigennutz mit dem Gemeinwohl zu verbinden“ – Bas van Abel, CEO Fairphone.

„Zähmungstipps für das Raubtier „Kapitalismus“, schreibt die Kleine Zeitung: „Mit „Zeit für Utopien“ kommt eine bildstarke Doku über alternative Wirtschaftsformen in die Kinos. Ein Film zum Überdenken des eigenen Konsumverhaltens“. (18.04.2018)

Die Dokumentation „Zeit für Utopien“ von Kurt Langbein ist auch als Video on Demand verfügbar. Hier gehts zum Trailer

Dieser Film gehört zu den Grundpfeilern meiner Motivation diesen Blog zu schreiben. Mehr dazu findest du hier.